Strike a Pose
München-Premiere von Zufit Simons „The Fight Club“
Zufit Simon mit „Tipping Point – Point of No Return“ im schwere reiter München
Für prägnante Titel, die schlaglichtartig wie unmittelbar Assoziationen heraufbeschwören, hat Zufit Simon ein gutes Gespür. Die im vergangenen Jahr mit dem Tanzpreis der Stadt München ausgezeichnete Choreografin hat nun ihr jüngstes Projekt „Tipping Point – Point of No Return“ getauft – gewissermaßen doppelt gemoppelt. Thema ist die Instabilität, akustisch wie physikalisch. Rezipierbar womöglich als körperhaftes Gleichnis ohne jedweden gesellschaftspolitisch direkten Realitätsbezug. Dazu hat sich Simon wie stets ein sonderbar karges, auf das performativ Notwendige reduziertes Set ausgedacht. Eine Reihe Neonröhren leuchtet im Hintergrund am Boden, ergänzt um zwei weitere, die über einer bergartig verschachtelten Schräge aus Podesten von der Decke baumeln. Seinen großen flackernden Auftritt bekommt das Licht (Dietrich Oberländer) allerdings bloß zum Schluss. Nachhaltiger prägt sich Zufit Simons instrumentaler Umgang mit fünf schwarzen Lautsprecherboxen an ihren dicken Kabeln ein.
Auf die Stille hin, die dem Einlassgedränge folgt, beginnt eines der Kästchen elektronisch rhythmisch zu knistern. Leise erst, dann immer intensiver. Simon, anfangs regungslos im Zentrum hockende Beobachterin mit Blick zur Tür, steht auf. Langsam geht sie auf die tickende Lärmquelle zu und hebt diese hoch. Fast wie eine Magierin dreht und wendet sie die Box, tritt dann einige Schritte auf ihr Publikum zu und streckt diesem die Lautsprechervorderseite entgegen. Jedes Kippen derselben zieht in der Wahrnehmung eine leichte akustische Variation nach sich. Schwuppdiwupp sind wir mittendrin in einem wortlos anschaulichen Experiment über Veränderung. Je näher Simon den Lautsprecher Richtung Boden bringt, desto dumpfer hört sich das Hämmern an. Ein Klang als würden quasi ohne Unterbrechung mal näher mal ferner Nägel in Wände geschlagen breitet sich aus.
Wenig später schraubt die Performerin offenbar entlang der Kabelbefestigung ihren Daumen ins Innere der Box. Der Sound büßt seine Reinheit ein. Es zerbröselt ihn regelrecht. Simon wechselt auf die andere Bühnenseite, krallt sich die beiden dort platzierten Klanggeber und schlüpft in die – zuvor unsichtbaren – darauf befestigten Stiefelschuhe. Es ist nicht zum ersten Mal, dass Simon diesen Requisiteneinfall bedient, der die Tänzerin hier zur übergroßen skulpturalen Figur anwachsen lässt. Ihr Gehen auf den akustisch rauschenden Plateau-Untersätzen wirkt jetzt roboterhaft, zumal bei jedem Anheben der Füße kuriose Geräusche entweichen, die an gefräßige Staubsauger erinnern mögen.
Gedröhne also, das anschwillt und wieder abschwillt, wellenartig, so wie Simons Körper, der sich darüber streckt und wachsweich wieder in sich zusammensinkt oder steifer nach vorne klappt und sich schließlich akrobatisch um die lautgebenden Fußgewichte in unterschiedlichsten Positionen des Sitzens, Liegens, Stützens und wieder in den Stand-Kommens ausprobiert. Als Mensch mit Sound an den Füßen pflegt Simon einen eher starren, innerlich gänzlich unbewegt leeren Blick. Im Zuge ihrer Ausfallschritte und kippelnden Knöchel wähnt man sich bald inmitten eines kontrolliert und behutsam tänzerisch dirigierten Konzerts aus Baulärm, Laubsaugern und Rasenmähern. Ganz anders hingegen tönt die nächste Etappe, in der sich Zufit Simon, wieder barfuß, der Herausforderung des etwas Ausbalancierens auf einer wackligen Scheibe stellt.
Balanceübung
Während die Lautsprecher leise ausrattern, nimmt die Tänzerin erst einmal sitzend auf der silbernen runden Fläche mit einer kugeligen Auflage darunter Platz. Fortan resultiert aus jeder noch so kleinen Neigung zur Seite, jeder Drehung ein anderer melodiöser Klang. Simons Bewegungen – und nur dazu sind sie da – werden zu Sound und die Kombination in seiner Abhängigkeit mit zunehmendem Schwierigkeitsgrad der Balanceübung hör- und sichtbar effektvoller. Verliert Simon das Gleichgewicht, was stehend trotz langsam ausgebreiteter und in die Höhe gereckter Arme irgendwann unvermeidbar passieren muss, knallt es laut.
Zur Premiere wurde das Publikum diesmal ins intime Ambiente des Schwere-Reiter-Studios geladen. Dessen sonst kahle weiße Wände sind auf der bühnenseitigen Raumhälfte mit hellen rechteckigen Paneelen zur Schalldämmung verkleidet, wodurch der kleine Saal optisch als Aufführungsort für ein Stück viel an Atmosphäre gewinnt, das man sich im Nachhinein sehr gut als performative Installation in den Weiten musealer Säle oder ehemaliger Industriehallen vorstellen kann. Und diese wiederum weiß Zufit Simon punktuell subtil in Kontraste und interessante Momente zu zerlegen. Letztlich aber bricht sie ihre Soloperformance an der oberen Kante der Schräge mit Blick in den Abgrund genau da ab, wo die Versuchsanordnung über womöglich unumkehrbare Kipppunkte das Tor Richtung gesellschaftspolitischer Relevanz aufstoßen und den Faktor Emotionalität mit ins Spiel lassen könnte.
Dass da in „Tipping Point – Point of No Return“ noch mehr ginge und die Arbeit sogar über das Soloformat hinaus ausbaufähig wäre, spiegelt sich nicht zuletzt in den Gesichtern der Zuschauer*innen, die quasi unkommentiert mit unterschiedlichen Lärmeindrücken konfrontiert eher ratlos zurückbleiben. Nach 40 Minuten fühlt sich das abrupte Ende in Erwartung einer Fortsetzung mehr wie ein Pausen-Einschnitt an. Weil der Clou diesmal aber die direkte Verbindung zu der von Fredrik Olofsson technisch gemanagten Soundkulisse ist, die Zufit Simon größtenteils durch ihr Handeln beziehungsweise das eigene Bewegen steuert, wenn nicht gar erzeugt, sind ihrem Stationen-Stück mit seinen Veränderungen und Wiederholungen bei nur einem einzigem Körper im Einsatz naturgemäß Grenzen gesetzt. Diese treibt Simon, insbesondere im gedehnt langen Mittelteil, auf eine schier schon physisch selbstquälerische Art und Weise auf die Spitze. Immerhin.
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