Gestern, Heute und Morgen
Anna Konjetzkys „Kaleidoskopiert“ im Schwere Reiter
Dass es sich um eine Zufit Simon-Produktion handelt, wird direkt in der ersten Szene klar. Der rhythmische Stimmeinsatz, anfangs synchron, dann sich in komplexer werdenden Patterns überlagernd, begleitet das unaufhörliche Auf- und Abgehen der Performer*innen durch den abgesteckten Boxring und lässt sofort Erinnerungen an Simons „Radical Cheerleading“ auftauchen. In gewisser Weise ist die neue Arbeit der in München und Berlin arbeitenden Choreografin direkt mit ihrer Erfolgsproduktion, die ihr zahlreiche Auszeichnungen wie den Münchner Tanzpreis und Einladungen auf Gastspiele bescherte, verbunden. 2024 wurde „Radical Cheerleading“ mit dem Festivalpreis des Best OFF Festivals Freier Theater Niedersachsen ausgezeichnet. Der Preis war eine 30.000€ Produktionsförderung für „The Fight Club“, das Zufit Simon nun vergangene Woche beim Best OFF Festival in Hannover zur Uraufführung brachte.
Den ästhetischen Linien ihrer vergangenen Arbeiten folgend, sucht „The Fight Club“ nach körperlichen Ausdrucksformen des Protests und findet sie hier in Kampfästhetiken, insbesondere dem männlich assoziierten Boxen. Das Publikum im schwere reiter sitzt auf vier Tribünen verteilt um den mit Ketten abgesteckten quadratischen Boxring. Die vier Performer*innen Hikaru Osakabe, Clarissa Rêgo, Cary Shiu und Zufit Simon betreten den Ring mit strammem Schritt und bedrohlicher Miene. In regelmäßigen Achterschritten tigern sie hin und her, markieren ihr Revier, stellen das performative Posen als elementaren Bestandteil vor einem Boxkampf aus. Geometrische Muster verschieben sich, gewinnen durch den Stimmeinsatz an Intensität, bis schließlich alle vier als sich gefährlich behauptende Crew über die Bühne bewegen.
Die Anfangssequenz bleibt die einzige, in der „The Fight Club“ eine energetische Entwicklung zulässt. Fortan wird das Ende jeder Szene durch den das Rundenende verkündenden Gong markiert. Ertönt der Gong, halten die Performer*innen jäh inne und ziehen sich zu ihrem zugewiesenen Holzhocker in einem der vier Ecken des Rings zurück. Für andere ist dies wiederum das Zeichen für den Start ihrer Runde.
Leider gelingt es „The Fight Club“ in dieser fragmentarischen Aneinanderreihung von Posing, Kampf und Niederlage nicht, ein vielseitigeres oder auch konträres Spektrum an Bildern zu kreieren. Das Bewegungsrepertoire verharrt bisweilen in gängigen Posen des Muskel-Flexens und offensiv-performativer Kraftdarstellung in Richtung Publikum. Choreografisch überraschende Momente und subversive Unterlaufungen dieses Bewegungsrepertoires bleiben weitgehend aus. Überhaupt scheint es, dass es dem künstlerischen Team mehr um ein äußerliches Überstülpen der männlich assoziierten und gewaltvollen Körpersprache ging, weniger aber um eine kritische innerliche Aushandlung der Performer*innen mit dieser Körpersprache. Auch der eigentliche Akt des Kampfes beginnt erst zu einem späten Moment. Äußerliches Posing dominiert und entlarvt in seiner repetitiven Aneinanderreihung letztlich seine leere Hülle.
Die spannendste Setzung ist sicherlich die Verwendung von Stimme, wenn etwa Zufit Simons bedrohliches Fauchen in ihrem Solo, verstärkt und verzerrt durch das Headset, in Kombination mit ihren kreaturhaften Bewegungen raubtierhafte Assoziationen hervorruft. Verbindungen wie diese, in denen die starre Kontrolle über Bewegung und Pose aufgelöst wird, wünscht man sich über den Verlauf des Abends mehr. Aber vielleicht ist auch genau das der intendierte subversive Akt von „The Fight Club“: Der vermeintlichen Korrelation von Kampf und Gewalt mit Kontrollverlust keinen Raum zu geben.
Und so beginnt die letzte Runde. Zum wummernden Beat wird das Licht gedimmt. Die quadratische Lichtröhrenanordnung an der Ecke flackert und erlischt, während die Perfomer*innen besiegt zu Boden sinken. Im Dunkel dann ein letzter Gong. Der Kampf ist ohne große Auflehnung vorbei.
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