„Nami“ von Zinada

Schmerz und Empathie bei den Wurzeln gepackt

„Nami“ von Zinada bei der Tanzwerkstatt Europa

Ganz „ohne Maske“ thematisiert die Uraufführung persönliches Fehlen mütterlicher Wärme. Ein emotional tiefgreifendes Highlight, bewegend für Interpret*innen und Publikum gleichermaßen.

München, 10/08/2026

Was für ein stumm-schreiender Dialog! Vier Jahre ist es her, dass die Tänzerin und Choreografin Jin Lee damit anfing, den Kreislauf generationenübergreifender seelischer Verletzung und Wunden in ihrer Familie aufzubrechen: in einem langen, behutsamen Kreationsprozess der Annäherung, um später die fatal-traurig-emotionale Reise gemeinsam mit der eigenen Mutter in einer Performance mit anderen Menschen zu teilen. Das gelingt Kyung Mee Lee, die als Geografie-Lehrerin niemals zuvor auf einer Bühne stand, und ihrer bekanntermaßen tänzerisch stets enorm ausdruckstarken Tochter unverfälscht wie rein physisch auf eine erstaunlich zarte, stille und tanzpoetische Weise.

Ihr optisches Gerüst sind bunte Linien, Markierungen und kleine Papierbasteleien auf dem Tanzboden, die den weiß gehaltenen Raum in eine Art riesiges Kinderspielzimmer verwandeln. Das Geschehen dominieren sich wiederholende, unmittelbar klar deutbare „Standbilder“ – wie Lee es nennt. Das Wiegen mit sanfter Gewichtsverlagerung eines Kindes in den vor dem Oberkörper gerundeten Armen beispielsweise ist eine dieser der Mutter zugeordneten Körperhaltungen, die ihren Weg von alten Fotos aus dem mütterlichen Album in die Inszenierung gefunden oder sich im Zuge des Erinnerungsaustausches zwischen Mutter und Tochter ergeben haben. Wenn sich Jin Lee dazu einen Meter entfernt in Babystellung, den Kopf mit gegen Boden gepresstem Ohr zur Seite gedreht und ein Sehnen im Gesicht hinkauert, bedarf es keiner weiteren Erklärungen. Das Verharren in solchen Positionen gräbt sich in das Gedächtnis ein, ebenso wie das prompte sich Abwenden nach – endlich – einer Begegnung. Vereinsamtes, in sich gekehrtes Kreisen im Raum mag wohl auch die unterschiedlichen Zeitschienen der beiden Protagonistinnen versinnbildlichen.

Bewegend schmerzvoll und im Vokabular zugleich höchst anrührend zurückgenommen fechten Mutter (Kyung Mee Lee, die von ihrer Mutter misshandelt wurde) und Tochter (Choreografin Jin Lee) das von der in den Nachwehen des Koreakriegs aufgewachsenen Großmutter in die Familie implantierte Trauma fehlender Mutterliebe aus. Entlang kleiner Schritte und Gesten, vor allem aber mit unheimlicher Körperfiligranität machen sie Move für Move den jeweiligen inneren Kraftakt sichtbar. Den braucht es auch für dieses mutige, höchst individuelle Stück „Nami“, um die Grenzen des Verletztseins zu durchbrechen, sich nach vielen Minuten des Blickkontaktvermeidens in die Augen sehen zu können und ein Aufeinanderzugehen und Umarmungen zuzulassen – erst zögerlich, später sogar einmal so richtig tröstend innig. Selbst wenn Mutter und Tochter Lee danach wieder in die alten Muster, das anfängliche gegenläufige Umkreisen oder Verfolgen im Laufschritt verfallen, ihre Arme weit zur Seite aufspannen und der erhoffte Kontakt mit dem anderen meist ausbleibt.

„Nami“ ist großartig darin, nicht bloß die aus einem Gefühlsmanko resultierenden seelischen Verletzungen zu veranschaulichen, sondern zudem die psychisch tiefgreifenden Konsequenzen dieses Mankos. Punktuell fabelhaft herausgestellt in einem energetisch vibrierenden, ganz ins eigene Innere sich kämpferisch verkrampfenden Solo von Jin Lee. Außerdem lässt die Performance nachvollziehen, dass die Verarbeitung von Leid, Schmerz, Erinnerungen, Trauer und Heilung ein fortwährender Prozess ist, den man durchaus positiv beeinflussen kann. Das Publikum dafür sensibilisieren will die Produktion schon vorab durch eine angeleitete zehnminütige kollektive Atemmeditation im Studio des Münchner Schwere Reiter, das sich hinter der Bühne befindet und durch eine Türe direkt für einen alternativen Einlass mit dieser verbunden werden kann. 

Wesentlich eindrücklicher noch wird im Nachgang der Vorstellung eine Verbindung mit den Zuschauer*innen aufgebaut, indem man ihnen – insofern gewollt – Einblick in die über zwei Jahre hinweg durchlaufenen Arbeitsschritte ermöglicht. Jene Partitur sich in beider Leben gegrabener Erfahrungen also, nach der ihre Gefühle in Körperformen gegossen wurden. Helfer*innen aus dem Team hängen dazu das schriftlich im Vorfeld tabellarisch festgehaltene Grundlagen-Archiv der Interpretinnen – eine lange mit persönlichen Notizen zu Situationen und Empfindungen (vieles auf Koreanisch), Jahreszahlen und Stichworten wie „Depression“ (Englisch oder Deutsch) vollgeschriebene Papierrolle – an der Rückwand auf. Anhand der ausgestellten Dokumente kann das Publikum auf Spurenlese im Abgleich mit dem gerade Erlebten gehen, einzelne Momente noch konkreter nachvollziehen. An die Wand gegenüber werden Videomitschnitte von Proben projiziert. Und im Foyer kann man einen der bereitliegenden bunten Stifte zur Hand nehmen und seine Eindrücke beziehungsweise eigene Erfahrungen niederschreiben. 

„Nami“ ist der Anfang einer leidgeschwängerten Reise, zu der parallel noch eine filmische Dokumentation entsteht. Als Wendepunkt einer schmerzvoll wahren Geschichte ist „Nami“ aber auch ein glückverheißender Coup.

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