Das Fluide ist ihr Metier
Die Videokünstlerin und Choreografin Stephanie Felber bekommt den Förderpreis Tanz der Landeshauptstadt München
Der Münchner Tanz-Sommer 2026 hat ein wiederkehrendes Thema: Den Dialog zwischen den Generationen. Lehrer-Schüler-, Vater- oder Mutter-Tochter-Geschichten sind offenbar en vogue an der Schwelle zu einer unsicheren Zukunft, die nicht nur politisch der Vergangenheit zu ähneln scheint. Zwischen ihnen aber tat sich Anfang Juli eine kleine Lichtung aus Konzert-Performances auf. Kurz nachdem Miet Warlops mitreißend-durchgeknalltes Erfolgsstück „One Song“ an der Isar vorbeitobte - erst vier Jahre alt und doch schon ein Klassiker des Genres - lud das junge Kollektiv Riess Neustadt ins Schwere Reiter ein. Auch „This Tomorrow“ hat das Zwischenmenschliche und die Zukunft ins Auge gefasst, konkret „den intimen Akt des gemeinsamen Weitermachens“, wobei der als „choreografisches Konzert“ firmierende Abend so abstrakt ist, dass sich diese Interpretation nicht aufdrängt. Aber ja: Sie machen weiter und immer weiter, die vier Musiker- und Performer*innen, von denen anfangs nicht genau zu sagen ist, wer was ist, beziehungsweise wer was davon noch werden wird im Verlauf. Nur Madison Pomarico kniet vor einer langen Reihe kaum identifizierbarer Technikpults am Boden und ist offenbar hauptamtlich für die Steuerung des Lichts und ein wenig auch der Sound-Effekte zuständig, die beide von Beginn an eine starke physische Präsenz besitzen.
Im nahezu dunklen Raum hängt leichter Nebel, der zur Konzertatmosphäre gehört wie das kalte Bier zum Sommer - und ein Gefühl der Schwere. Als wäre die Luft von viel mehr als von Klängen gesättigt - vom Nachbeben einer Katastrophe vielleicht? - bewegen sich Fabian Riess, Tasha Hess-Neustadt und Nicolas Fehr sehr langsam und rhythmisch wippend durch den Raum und lassen eine Melodielinie fließen. Hess-Neustadts Stimme hebt sich ohne Worte von einer tieferen Moll-Tonspur ab und klettert mit technischer Unterstützung bis knapp unter die Schmerzgrenze nach oben. Der Boden scheint vor allem Riess‘ Körper anzuziehen, während Fehr sich am von der Decke hängenden Mikro orientiert. Die Bewegungen aller wirken von Klangwellen und vereinzelten industriellen Störgeräuschen moduliert, durch die sie sich wie durch handfeste Widerstände hindurch manövrieren. Was für ein seltsamer Beginn, der die an zwei Seiten des offenen Raumes sitzenden Zuschauer*innen zugleich wach macht und hypnotisiert.
2020 gegründet, hat sich das queere Duo Riess Neustadt der somatischen Forschung und Themen wie der Transformation des Lebendigen verschrieben. Schon 2023 ging es in seiner ersten Münchner Produktion „LOT – Acts on Resilience“ um die Dialektik von Aufbau und Zerfall. „This Tomorrow“ wirkt wie ein Echo dieser Arbeit, ruft mit den malerisch abgerissenen, mit langen Stoffstreifen versehenen Kostümen von Lucy/Louis Caspar Schmitt etwas Postapokalyptisches an, aber es ist auch nicht zu übersehen, dass die drei auf der Bühne sich nicht in ihr Schicksal ergeben und sich zunehmend bewusst werden, dass sie nicht alleine sind. Sei es, dass zwei ihren Atem synchronisieren, sich wechselseitig die Hand reichen und vom Boden hochziehen, sei es, dass alle wie Bälle auf der Stelle springen, auf allen Vieren wippend Energie in den Raum zu pumpen scheinen, und eins werden mit dem körperlich wirkenden Wummern der Musik.
Der Programmflyer spricht von „Beharrlichkeit“ und „postkapitalistischen“ Fantasien. Man erkennt aber auch ohne diese theoretische Munition, dass hier etwas sehr Besonderes entstanden ist: Ein organisch pulsierendes Gesamtkunstwerk, in dem Aufgaben geteilt werden. Zwar hat Hess-Neustadt auch tänzerisch die größte Amplitude und Varianz, während Fehr als Musikverantwortlicher oft zum Flügel oder Cello greift, aber auch hier springt man einander bei. Auch Riess kann Klavier. Selbst Pomarico verlässt zwischendurch ihre Technik-Station, um tänzerisch mitzumischen. Und Hess-Neustadt spielt in Rückenlage Geige, deren mutmachende und besänftigende Töne sich über die schicksalsergeben-düsteren des Cellos legen.
In der Gemeinschaft, die sich Riess Neustadt für die Zukunft erträumen, scheinen statt Spezialisten Generalisten gefordert oder zumindest Menschen, die bereit sind, ihre Komfortzonen zu verlassen. Und Dinge. So kann hier der elektronisch verstärkte Hall eines Cellos wie ein E-Bass klingen und ein riesiger Ventilator als bildschön beleuchteter Raumteiler dienen, der den Wind of change bis in die Sitzreihen bläst. Und unter dem lauter werdenden Sturm der synthetischen Töne perlt noch leise das Klavier.
Ein anregendes Schaumbad für die Psyche haben die Atmosphären-Zauberer von Riess Neustadt ihrem Publikum eingelassen, in dem sich Fragen nach gestern und morgen zwar nicht in Wohlgefallen auflösen, aber im Moment aufgehen.
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