„Come As You Are“ von Wagner Moreira, Tanz: Vittoria Carpegna, Leander Veizi, Kathrin Berg, Sophie Juliana Pollack

„Come As You Are“ von Wagner Moreira, Tanz: Vittoria Carpegna, Leander Veizi, Kathrin Berg, Sophie Juliana Pollack

1 Hund, 1 Baby, 8 Tanzende

Integrative und interaktive Relaxed Performance von Wagner Moreira

Ein Tänzer erklärt, dass bei der Regensburger Performance „Come As You Are“ alles er-laubt sei – herumgehen, sprechen, sich auf den Boden legen, rausgehen und wieder hereinkommen, husten und kommentieren. Kinder seien ebenso willkommen wie Hunde.

Regensburg, 17/07/2024

Ohrenstöpsel, damit man von der Uraufführung nichts hört? Eine Augenbinde, um – möglichst – nichts zu sehen? Bevor man an der weitoffenen Tür das Regensburger Neuhaussaales entrüstet kehrt macht, klärt einen die Theatermitarbeiterin freundlich auf. „Sie können die Augenbinde während der Vorstellung anlegen, um andere Sinneseindrücke zu verstärken“, verrät sie geduldig, „oder auch die Ohrenstöpsel benutzen“. „Ganz wie sie wollen“, fügt sie noch lächelnd an.

Innen verstärkt sich der ungewohnte Eindruck. Keine Stühle, auf denen man Platz nimmt. Dafür rosafarbene Podeste und Treppen mit roten Polstern, Sitzkisten und die Wände rundherum mit langen Stoffbahnen behängt. Blicke durch die Fenster nach draußen könnten ablenken. Vermutlich würde sich sowieso niemand ablenken lassen. Verteilt im Saal warten alle voll gespannt darauf, was unter diesen ungewöhnlichen Umständen auf sie zukommen mag. 

Come as you are

Das kommt schleichend. Durch die Eingangstüren, die durchgehend bis Ende der Vorstellung offen stehen bleiben, schieben die Tanzenden im Zeitlupentempo Platten vor sich her in den Saal. Die Bühne lassen sie links liegen, ziehen murmelnd durch die Gänge. Nach und nach werden sie verständlicher. Sie erläutern ihr Tun, ihre Aktionen und wie sie gekleidet sind. Sie gehen auf die Sitzenden zu, sprechen sie an. Ein Tänzer erklärt, für alle hörbar, dass bei der Performance „Come As You Are“ (Wagner Moreira, Inszenierung und Choreografie) alles erlaubt sei – herumgehen, sprechen, sich auf den Boden legen, rausgehen und wieder hereinkommen, husten und kommentieren. Kinder seien ebenso willkommen, meint er mit Blick zu einem Baby, das zwischen den Eltern liegt, wie Hunde.

Bei der „Relaxed Performance“, wie diese Form Theater zu erleben bezeichnet wird, werden so ziemlich alle Regeln über den Haufen geworfen, die sonst gelten. Über Vogelgezwitscher und die pastellfarbene Wandbespannung wird eine Wohlfühlatmosphäre erzeugt, die ein wenig an Entspannungskurse erinnert. Eine Gebärdendolmetscherin übersetzt das Geschehen und die Erläuterungen der Ensemblemitglieder in die fremde Sprache der Mimik und Zeichen mit Fingern und Händen. Zuschauende sollen die Aufführung auf möglichst vielen Ebenen wahrnehmen können. Und Menschen, die mit einer Einschränkung leben, sollen einen möglichst unverstellten Zugang zum künstlerischen Erleben bekommen. 

Tanztheater für alle

Das Baby, das ab und an vergnügt gurrt, ein Begleithund und einige Rollifahrerinnen zeigen an, dass dieser Vorsatz angenommen wird. Ein weiteres Ziel, die Besucher selbst zum Mitmachen oder sich Bewegen zu bringen, bleibt dagegen hinter den Erwartungen zurück. Bei der nächsten Vorstellung waren die Besuchenden spürbar entspannter und agierten mehr und eigenständiger mit. Ein Vater ist völlig begeistert von dem Erlebnis und wünscht sich mehr und öfter solche Möglichkeiten im Theater. Er ist mit seiner autistischen Tochter gekommen.

Bei der spannenden und oft höchst vergnüglichen Performance gehen die Tanzenden mehrfach auf die Besucher zu und ziehen sie sanft von ihren Plätzen. Durch die Autodeskription bekommt ihr Tanz selbst eine manchmal unfreiwillig komische Note. Ein Tänzer, der andere paarweise in ihrer jeweiligen Pose einfrieren lässt, steigert diesen Eindruck ins abgedreht Absurde, indem er fantastische Geschichten zu den Eingefrorenen erfindet. Aus der Erstarrung gelöst, folgen die Tanzpaare zuweilen den Vorstellungen und führen sie mit expressiver Dramatik oder lustvollem Humor in eigener Weise weiter.   

Spielwiese

Bei der Performance spielen die Platten eine wesentliche Rolle. Mit ihnen bauen die Tanzenden Häuser, nutzen sie als Schutz oder Versteck. Die Pappen werden zu Tischen und Spielplatten, zu Liegen, Surfbrettern und Perkussionsinstrumenten. Wenn die Tanzenden sie wie riesige Fächer benutzen, werden sie zu Windmaschinen. Damit verschaffen sie Erleichterung an dem schwül-warmen Abend und verstärken zugleich die elementare Sinnlichkeit dieser grandiosen Performance. Als überdimensionierte Bühnenelemente harren ein Auge, Ohr und eine Hand am hinteren Bühnenrand, bis sie vom Tanzensemble für berückend eindrucksvolle Einfälle von Bedrohung, Augenrollen und ins Ohr husten in die Choreografie einbezogen werden. 

Ein Cellostück von Bach lässt das Publikum anfänglich sanft in eine entspannte Stimmung gleiten. Am Ende mündet die Tanzperformance mit den Pappen musikalisch in eine kraftvoll kollektive Trommelaufführung, die die Power eines südafrikanischen Gumboot-Tanzes oder einer japanischen Taiko-Gruppe ausstrahlt. Zum Ausklang singt Joscha Eißen, der sich wie seine beiden Schauspielkollegen perfekt ins Tanzensemble und die Choreografie einfügt, einen ans Herz gehenden Song. Dabei begleitet er sich im sinnlich-erotischen Korsett selbst am Klavier und fügt dem bemerkenswerten Tanzabend eine weitere Note hinzu, ebenso wie der Hund mit einem Bellen und das nörgelnde Baby.

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