„beat silence beat“ von Anna Konjetzky, Tanz: (vlnr.) Amie Jammeh, Edoardo Cino, Sahra Huby, Quindell Orton, Sotiria Koutsopetrou, Anand Dhanakoti

„beat silence beat“ von Anna Konjetzky, Tanz: (vlnr.) Amie Jammeh, Edoardo Cino, Sahra Huby, Quindell Orton, Sotiria Koutsopetrou, Anand Dhanakoti

In spielerischer Leichtigkeit

Uraufführung von Anna Konjetzkys neuestem Wurf in den Kammerspielen

Die ganz und gar nicht harmlose, sondern überaus lebhafte Produktion „beat silence beat“ macht Klang zu Tanz und Körper zu Instrumenten.

München, 23/06/2026

Rhythmus, Körper, Stimme, Worte, Spiel. Aus Münchens freier Tanzszene ist Anna Konjetzky nicht mehr wegzudenken. Hier im Kreativquartier hat sie schon seit Jahren ihr eigenes Studio namens Playground, das die Choreografin immer wieder auch mit Gästen in residence spartenübergreifend bespielt. Eine enge Verbindung pflegt die für ihre thematische Kontinuität bekannte, dabei niemals um neue Schwerpunktsetzungen oder Bausteine, die ihre Arbeiten in besonderer Weise prägen, verlegene Künstlerin auch zu den Münchner Kammerspielen. Dass diese ihren kleinsten Saal – den Werkraum – kürzlich mit in der Höhe unterschiedlichen und farbig bunten Podesten, die eher kinderaffin zu erklettern, denn leidlich bequem sind, neuartig bestuhlt haben, kommt ihrer jüngsten Kreation „beat silence beat“ durchaus zupass. 

Am schwül-heißen Uraufführungsabend taucht das Publikum beim Betreten des Schauplatzes quasi in eine blau-grün-nüchterne Schwimmbad-Atmosphäre ohne Tageslicht und Außengeräusche ein. Die quadratische, zu Füßen der Zuschauer*innen ausgebreitete Tanzfläche wird von winzigen Lämpchen umrahmt. Es gibt weder Kulissen noch einen Vorhang. Im Schimmer der schwach leuchtenden Fluchtwegweiser betreten Edoardo Cino, Anand Dhanakoti, Sahra Huby, Amie Jammeh, Sotiria Koutsopetrou und Quindell Orton den Raum. Aus dem Off beginnt es zu bumpern. Sergej Maingardt hat für das Tänzersextett einen rhythmischen Sound komponiert, den die – trotz Hitze – konditionell bestens aufgelegten und enorm reaktionsfreudigen Akteure via Bodenkontakt, was gut zu verfolgen ist, bald durch ihre gesamten Körper pulsieren lassen. Hierzu hat Michiel Keuper individuelle Kostüme entworfen, die im Gesamtbild wunderbar zu einer durchmischten Performer-Mannschaft passen. Diese hat in fließender Folge – entweder als Kollektiv oder als sich gegenüberstehende Teams – eine Reihe verschiedener Spielrunden zu bestreiten. 

Die Senkrechte der anfangs nah beisammenstehenden Leiber gerät durch Gewichtsverlagerungen, die auf die Musik getaktet sind, ins Schwanken. Köpfe werden impulsiv zur Seite gedreht, Schultern verschoben. Langsam kommt die gesamte Gruppe ins Schwingen. Der Klang verändert sich. Knie schnellen in die Höhe. Aufstampfen bzw. das behutsame, forsche, überraschte, mal wilde und mal zögerliche Wiederabsetzen der Fußsohlen wird in dieser höchst motorischen Produktion, die allein schon durchs Zusehen ansteckend wirkt, zum stetig wiederkehrenden Leitmotiv. 

Jede Idee, die plötzlich neu aufploppt oder einen Richtungswechsel im sinnlichen Erkunden anregt, verursacht innerhalb der Interpreten-Clique eine andere Wirkung: choreografisch und akustisch, scheinbar prompt und improvisiert. So zum Beispiel das dynamisch präsentierte Wiederholen erst einmal nur der einen Vorsilbe „dis“ wie in einem verbalen Ping-Pong-Spiel, um angefangen bei „Disziplin“ letztlich nach und nach aus gedanklichen Untiefen eine Unmenge an Vokabeln zu Tage zu fördern, bei denen die Bedeutung des ursprünglichen Wortes sich ins Gegenteil verkehrt. 

Das sind Augenblicke, in denen man bruchstückhaft ein kurzes Aufbegehren, Widerstandswillen oder Protestbereitschaft aufblitzen sehen kann. Lautmalerisch hinausposaunt in zwei Mikrofone: das eine bodennah zum Sich-Davor-Hinschmeißen, für das andere muss man sich recken und die Lippen gen Decke spitzen. Nur dass solche Emotionen diesmal sofort im Keim wieder ersticken, weil die anderen Mitspieler*innen rasch ihren nächsten Spielzug  ausführen wollen oder müssen. 

Tatsächlich ist das in seiner komplexen Verschränkung ganz für Aug und Ohr konzipierte Tanz-Konzert „beat silence beat“ völlig akribisch – schon weil technisch notwendig – durchgeplant. Nichtsdestotrotz wird dem Publikum tänzerisch-improvisatorische Spontanität suggeriert. Zu Beginn gibt die Musik den Takt an. Fast kindlich grooven sich die Tänzerinnen und Tänzer ein. Nicht minder intensiv ergeben sich dazwischen Pausen von sonorer Stille und Innehalten. Momente, die das einstündige Stück durch das inszeniert-zufällige Entdecken neuer Sound-Licht-Effekte findig von Sequenz zu Sequenz immer weiter vorantreiben – gleich Wellen, deren Auslöser die Akteur*innen selbst sind.

Am Boden verteilt befinden sich mehrere blaue Trigger-Pads. Werden sie entsprechend von den darüber tanzenden Füßen bespielt, lassen sich damit Klänge, Licht und Text steuern. Klang wird Tanz, Schrittmuster zu Tönen, Worten, Sätzen. Körper synchronisieren sich mit der Percussion aus dem Off und verwandeln sich regelrecht zu Instrumenten. Doch was bewirkt was? Irgendwann rollt eine unheilvolle Geräuschwalze über die Gruppe hinweg. Die Grundhaltung aller wird animalischer. Zudem setzen die Performerinnen und Performer ihre Stimmen ein. In Kombination mit Einspielungen werden sie am Ende in zunehmender Dunkelheit von einer beinahe sakral anmutenden Wolke aus Gesang umspült, deren Klänge noch weiter über der leeren Bühne hängen, obwohl Edoardo Cino, Anand Dhanakoti, Sahra Huby, Amie Jammeh, Sotiria Koutsopetrou und Quindell Orton längst das Weite gesucht haben. 

Man kann in Anna Konjetzky eine Provokateurin sehen, der es um Werte geht. Egal, ob ihre choreografischen Arbeiten radikal-explosiv sind wie ihre Recherche zum Komplex  „Wut“ oder zurückgenommener in der Wahl der Ausdrucksmittel. Letzteres ist bei „beat silence beat“ der Fall. Auch hier gelingt es ihr – ausgehend von an sich klaren musikalischen, physischen bzw. emotionalen Phänomenen –, Prozesse des Nachdenkens in Gang zu setzen. Ihr Mittel dazu: feinst inszenierte Körperlichkeit. Schlicht und einfach wirkungsvoll.

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