Mit verbaler Komponente
Abschlussbericht zur Tanzwerkstatt Europa 2020
„A Suite of Dances – A Day in the Studio“ des Dance On Ensembles bei der Tanzwerkstatt Europa
Ein Metronom tickt den Takt, zu dem sich zwischen zwei und fünf Tänzer*innen gleichzeitig in Geometrie üben. Alba Barral Fernández, Dominic Santia, Gesine Moog, Lia Witjes Poole und Marco Volta sind die ersten außerhalb der 1954 von Noa Eshkol (1924-2007) selbst gegründeten „Chamber Dance Group“, die die von jeder Bedeutung und Expressivität befreiten Körperteil-Rotationen und Winkelzüge der israelischen Choreografin auf die Bühne bringen. Alle fünf sind sie zwischen 40 und 57 Jahre alt. Wo man anderswo als Tänzer*in längst aus dem Raster gefallen ist, selbst im diesbezüglich gnädigeren Feld des zeitgenössischen Tanzes, geht es beim Dance On Ensemble erst richtig los. Die Berliner sind gern gesehene Gäste bei der Münchner Tanzwerkstatt Europa, wo sie in diesem Jahr das Bindeglied zwischen den älteren und neuen Tanzsprachen im Programm bilden. Wobei es – das sei gleich vorausgeschickt – im Double Bill „A Suite of Dances“/“A Day in the Studio“ auf beiden Seiten abstrakt bleibt.
In seiner Reihe „Replies“ übergibt das Dance On Ensemble Künstler*innen der Gegenwart Werke des modernen und postmodernen Tanzes zum choreografischen oder installativen Weiterdenken. Diesmal, in Folge vier, sind das sechs kurze Stücke von Eshkol, die anders als Merce Cunningham, Lucinda Childs und Martha Graham außerhalb der Szene nur wenigen ein Begriff sein dürfte. Ihre bunten Wandteppiche aus Flicken sind bekannter als das von ihr entwickelte Notationssystem, mit dem sie minimalistische Choreografien am Reißbrett konstruierte. Sechs dieser in den Sechziger- und Siebzigerjahren entstandenen Miniaturen sind in „A Suite of Dances“ zusammengefasst. Es tickt der Takt und es ticken die Körper, sie werden nach hinten gebogen mit den Köpfen im Nacken, Unterarme fahren rechtwinklig nach oben. Windmühlen-Arme, kleine Sprünge und Drehungen im Ausfallschritt, viele Linien und Diagonalen spiegeln und folgen einander. Es gibt Unisonos, Verschiebungen und bewusste Abweichungen vom Muster. Alles wirkt diszipliniert, behutsam, aber vollkommen unökonomisch und weitgehend humorlos, wobei manche Posen an Volkstänze und völkische Statuen erinnern und einige Fuß- und Armpositionen des klassischen Balletts zu zitieren scheinen. Nur in schlaffer. Sechsmal im leeren Raum und sechsmal anders, aber immer wieder geht es mit einer unordentlich geordneten Startaufstellung los. Und nach 25 Minuten ist Pause.
Das Gastspiel in der Muffathalle war die Deutschlandpremiere nach der Uraufführung bei Julidans Amsterdam. Entsprechend sind Viele gekommen, um zu sehen, was der französische Choreograf Noé Soulier (*1987) mit diesem spröden Material anstellen würde. Offenbar hat er es tatsächlich mit ins Studio genommen, zu dem hier die Bühne mutiert, um es aufzunehmen und energetisch aufzuladen, zu dynamisieren, anzuspitzen und partiell aufzulösen. Interessant wirds, wenn Soulier die Winkel verschleift und die Bewegungen auf den Boden hinunterzieht. Später rücken die Tänzer*innen sich zusehends auf die Pelle, haken sich Fuß oder Schulter voran hochkompliziert beieinander ein oder nehmen sich Huckepack. Das Licht variiert in den kurz bleibenden Episoden oft, während eine Stimme aus dem Off und nach ihr ein schnarrendes Cello Eshkols Metronom abgelöst haben. Der wortverspielte Inhalt des verlesenen Textes lenkt eher ab, aber seine Loop-Struktur nimmt vorweg, wohin hier der Hase läuft. Denn auch die Choreografie wird einen Kreis beschreiben und ähnlich enden, wie sie angefangen hat.
Spektakulär ist das Ganze nicht. Dass es trotzdem interessant bleibt, liegt an der Kleinteiligkeit des Abends, am sich schärfenden Blick auf Details und an den Tänzer*innen. Vor allem Barral Fernández und Witjes Poole gelingt es, manch ausladenden Extra-Schnörkel kämpferisch zu akzentuieren und keine noch so mechanische Bewegung hergestellt aussehen zu lassen, sondern so, als hätte sie sich ihrer Körper bemächtigt. Und alle fünf gemeinsam bringen mit ihren individuellen Physiognomien und den kolorierten Top-Shorts-Variationen des ersten Teils Farbe ins Spiel. So entsteht in den besten Momenten eine Art körperarchitektonischer Flickenteppich im Raum, weniger bunt und exzentrisch als Eshkols zweidimensionale Exemplare aus Textil, aber mit einem ganz ähnlichen Muster aus Kreisen und Linien, Gleichem und Ungleichem.
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