Ein Theaterstück als Bewegungsprojekt
„Ich, dein großer analoger Bruder, sein verfickter Kater und du“ von Felicia Zeller in einer Inszenierung und Choreografie von Katja Wachter
„KI essen seele auf“ von Katja Wachter an der Theaterakademie August Everding
Was, wenn die KI übernimmt? Eine fiese, multiple, per se körperlose und nicht real greifbare Macht aus dem Cyberspace, die schrittweise unseren Alltag infiltriert, sich ins Menschsein hackt, Leben nach Lust und Laune unterminiert, echte und fiktive Wahrheiten vermengt, Avatare in die Welt setzt und am Ende – ersatzgottgleich – als vermeintlich allwissende, bessere Instanz auftrumpft. Was, wenn der mit Informationen aus Privatsphären vollgestopfte, allerorts lauernde, zum bedrohlichen Monster angewachsene Datenstrom seinen denkenden und fühlenden Schöpfer und Nutzer irgendwann einfach beiseite schubst? Likelos. Ein Swipe nach rechts, ein Swipe nach links. Überflüssig geworden und achtlos einfach fort – ins Nichts – gewischt.
Thomas Köck, im oberösterreichischen Steyr geboren, zählt zu den prägenden Theaterkünstlern der Gegenwart. Seine Texte werden im deutschsprachigen Raum und international viel gespielt. In seinem jüngsten Stück „KI essen seele auf“ hat der 40-Jährige einen Bühnenmonolog (Polylog) gespickt mit Referenzen an Orpheus respektive Homer bis in die Pop-Charts hinein verfasst. Dieser ist komplett aus der Sicht einer KI namens ORPHEAI geschrieben. Doch obwohl computergeneriertes Instrument eines profitorientierten Überwachungskapitalismus überschreitet ORPHEAI egobewusst eine Grenze und schert sich nicht mehr um Geheimhaltung oder die stille Unsichtbarkeit im Verborgenen.
Im Münchner Akademietheater eignen sich am Premierenabend alle Akteur*innen irgendwann eine robotergleiche, von jeglicher Empathie befreite, codegenerierte Identität an und lassen ORPHEAI mit menschlicher Stimme sprechen und singen. Grüppchenweise kriecht ORPHEAI – quasi knochenlos und wachsweich – gleich einem vielarmigen Oktopus unter Podesten hervor und bedrängt ihre Opfer hautnah. Gleichzeitig lässt sie den leblosen Körper eines Mädchens marionettengleich tanzen. Zunehmend autonom in ihren Entscheidungen verwandelt die gestaltgewordene KI kraft des uns Menschen abgekupferten Hochmuts Wahrheiten in eine Waffe, die jedes Ich in Angst versetzt, versetzen muss.
Der Stoff – inhaltlich ganz am Puls der Zeit, uraufgeführt in Stuttgart im vergangenen November von drei Schauspielerinnen – scheint wie gemacht für eine regieerfahrende Choreografin, die langjähriges Mitglied der Tanztendenz München und darüber hinaus erfolgreich mit eigenen Kreationen für Stadttheater oder die freie Szene ist. Seitdem Katja Wachter an der Bayerischen Theaterakademie unterrichtet, hat sie immer wieder themenspezifische Inszenierungen und hochaktuelle Werke mit Studierenden erarbeitet und den Fokus dabei im Sinne ihres Dozentenauftrags auf Tanz, körperlichen Ausdruck und Bewegung gelegt.
Dass es ihr jedes Mal aufs Neue gelingt, die Heterogenität einer nicht primär tanzaffinen bzw. -geschulten Gruppe dazu zu bringen, auf der Bühne ein harmonisierendes Ensemble abzugeben, das sowohl Schrittkombinationen als auch den Raum souverän beherrscht, prägt den Reiz von Wachters Aufführungen. Rudolf Labans im Kontext des Ausdruckstanzes vielzitierter Leitspruch „Jeder Mensch ein Tänzer“ gerät unter Wachters Regie oft zu einem Mittel einer publikumswirksamen Charmeoffensive. Talententdeckungen à la Vitaliy Korobovsky eingeschlossen. Mit vollem Körpereinsatz und Anleihen beim Breakdance überzeugt dieser – seit 2022 in München wegen des Kriegs in seiner ukrainischen Heimat – unter anderem als zunehmend vereinsamter, sich nach Liebe sehnender Influencer auf Jagd nach Followern und dem zwanghaften Streben nach hoher Reichweite, Likes und Anerkennung in sozialen Netzwerken. Der einzige, dem man gerne zusieht, wenn das gesprochene Wort in den Hintergrund rückt und pur physischer Ausdruck übernimmt, bleibt er nicht.
Mit dem 2. Jahrgang Schauspiel wagte Wachter das Experiment, Köcks strukturelle Idee in einem hybriden Sprech-Tanz-Projekt aufzugreifen: Der unkritische Umgang mit persönlichen Daten und die sorglose Abgabe eigener Werte und Kontrolle an mathematische Systeme der virtuellen Welt wird hier szenisch in Kapitel respektive Songs aufgeteilt und parallel dazu je einer der sieben Todsünden zugeordnet: Hochmut, Wollust, Trägheit, Neid, Habgier, Völlerei und Zorn – nicht erst seit Brecht immer ein Fundus für mimische Momente. Herausgekommen ist eine gesellschaftskritische, sehr dynamische Abrechnung, die es vor allem punktuell in sich hat und zweifellos Anstoß gibt, mehr über den Umgang mit den persönlichen Daten nachzudenken.
Katja Wachters Adaption von „KI essen seele auf (ORPHEAI)“, in der mit den Studierenden produzierte Videoprojektionen das live gespielte Geschehen gut ergänzen, kommt motorisch erwartbar humorvoll und bisweilen fast musicaltauglich daher. Andererseits bleibt einem immer wieder das Lachen im Hals stecken, wenn die zehn Interpreten Situationen aus dem Alltag in choreografische Tableaus transferieren, die uns letztlich allen den im Bühnensetting als mehrteiliges, mobiles Requisit verschiedentlich eingesetzten Spiegel vorhalten.
Da ist zum Beispiel dieses Elternpaar, das einen alten Chatbot herunterzuladen versucht, um mit der bei einem Surfunfall verunglückten toten Tochter zu kommunizieren. Oder der unvermeidliche Crash einer Autofahrerin, deren automatische Spurenkontrolle außer Kontrolle gerät. Gefangen in ihrem Smart-Car nimmt das Schicksal seinen fatalen Lauf – choreografisch visualisiert durch ein sie fest und unnachgiebig umklammerndes Trio, das sich eitel um Kompetenzen zu streiten beginnt. Eine falsche Profilzuschreibung und sein digitaler Fingerabdruck werden einem Mann beim Grenzübertritt zum Verhängnis. Leider behält bei dieser letzten zugespitzten Tragödie eines Einzelnen das Geschrei die Oberhand – wie so oft, wenn Panik geschürt wird. Weniger wäre hier mehr gewesen. Und gerade in dieser Hinsicht würde Katja Wachters Zugriff noch mehr Abstufungen vertragen.
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