Ballett- und Tanzgala am Staatstheater Augsburg 2026

Romantik und Wahnsinn

Augsburgs Internationale Ballett- und Tanz-Gala im Clash von Sinnen und Stilen.

Die diesjährige Augsburger Ballett- und Tanzgala stellt unter Beweis gestellt wie gut es dem Bühnentanz als Kunstform gelungen ist, Tradition und Innovation in Einklang zu bringen.

Augsburg, 16/02/2026

Eine Woche zuvor hat man die ambitionierte Ballettkompanie für ihre spartenübergreifende Großproduktion „Mozart-Requiem“ heftig bejubelt. Nun ist das Publikum erneut herbeigeströmt, neugierig auf ein exklusives Gala-Programm. Eines der Highlights: Starballerina Polina Semionova. Die mittlerweile in New York arbeitende und als Principal Guest weiterhin dem Staatsballett Berlin verbundene Tänzerin hat Wort gehalten und holt ihren letztes Jahr verletzungsbedingt abgesagten Gastauftritt nach. Begleitet wurde die gebürtige Moskauerin, die Vladimir Malakhov vor 24 Jahren direkt von der Bolshoi Ballett Akademie als jüngste Erste Solistin nach Berlin engagiert hatte, von ihrem Bruder Dmitry Semionov. 

Zwei Pas de deux hatten die Geschwister im Gepäck: Petipas „La Bayadère“ als quasi klassischen Warm-up mit viel Adagio, nebst Dmitry als zuverlässigem Partner und das für beide wesentlich ausdruckstiefere zeitgenössische, durch ein Gedicht von Sharon Talbot inspirierte „Face My Fears“ (Choreografie: Stéphen Delattre). Das Tüpfelchen auf dem -i- aber war am Ende Semionovas verglimmende Interpretation von Fokins „Sterbendem Schwan“. Schade nur, dass das allerletzte kurze Aufbäumen vor dem Tod – ein leichtes Heben des Arms – bereits vom voreilig erlöschenden Scheinwerferlicht verschluckt wurde.

Wie sprechend stark die Bewegung für sich allein genommen ist, wird in einem Ausschnitt deutlich. Da lässt Ballettchef Ricardo Fernando zum Auftakt seiner Internationalen Ballett- und Tanzgala Teile von Chus Tanzensemble-Passagen wiederholen. Herausgelöst aus ihrem ursprünglichen Bühnenbildkontext (kalter Beton und hinter einer Glasfront ein der Natur überlassener Außenbereich) entfalten diese eine verblüffend andere Wirkung. Wie war das bloß schon rein platzmäßig mitsamt Ausstattung und dem kompletten Chor on stage dermaßen rasant tanzbar? Bei der Gala füllen die Augsburger Tänzer*innen allein mühelos die gesamte Breite und Tiefe der viel neutraleren Bühne mit ihren kraftvollen Moves aus.

Musik und Gesang kommen vom Band. An den ursprünglichen, im Hintergrund gefällten Baum erinnert ein am Boden verzweigtes Licht- und Schattenspiel. Rezeptiv im Fokus steht nicht mehr die Verkettung von Körpern. Es ist der enorme Drive des Kollektivs, der das Publikum jetzt vor allem sinnlich anspringt, ein auf Stil und Thema eingeschworener Gruppenelan, mit dem die Gastgeber noch in zwei witzig-spritzigen Ausschnitten von Ricardo Fernandos Abendfüller „Frida“ zu überzeugen wissen. Dieser schillernde, vieldiskutierte Ballettabend soll kommende Spielzeit wieder aufgenommen werden, weshalb Martina Piacentino & Alfonso López González noch einen intimen Moment daraus, zwischen Frida Kahlo und ihrem Mann Diego aufgreifen.

Rendezvous in Formvollendung und zeitgenössisches Stelldichein

Berührung erhält einmal mehr eine zentrale Bedeutung. Inhaltlich und rein physisch. Ohne gegenseitiges Vertrauen, ohne das Halten, Stützen, Heben, Tragen, Werfen, Schubsen, Auffangen, Herumwirbeln, Ziehen und Zerren bliebe alle Zweisamkeit im Belanglosen stecken. Das romantische erste Zusammentreffen von Odette und Siegfried in „Schwanensee“ sowie der Rausschmeißer – ein famoser „Don Quixote“-Pas de deux, lupenrein getanzt von Haruhi Otani & Gareth Haw (English National Ballett), mit noch atemberaubenderen Hebungen, Balancen und Sprüngen als in „Schwanensee“ – wären sonst zum Scheitern verurteilt. Nicht minder alle modernen Duos, die Nähe und Distanz in einer Beziehung thematisieren. Selbst ein so bodennahes und persönliches Solo wie „Mi Raíz“ des ab nächster Saison fest in Augsburg engagierten Tänzers Kino Luque hätte es andernfalls schwer – bei einem fiktionalen Gegenüber aus Vergangenheit, Erinnerung und Zukunft. 

Acht sehr verschiedene Paare fächern unterschiedlichste Gefühlsgemengelagen auf. Da sind Marina Piacentino & Asja Marabotti (Gast), die in „DADAlove“ zu kreatürlichen Wesen mutieren und sich voller begehrlicher Neugier auf die Erkundung von Liebe stürzen. Die originelle Choreografie hat sich Ensemblemitglied Mateo Mirdita ausgedacht. Seinem bizarren Einfallsreichtum verdankt auch Akari Takahashi ihren geisterhaften Auftritt in „BRUTALmente“: roh in den Bewegungen und vom japanischen Butoh-Tanz inspiriert. Der Kontrast zu Petipas feiner Fußarbeit auf Spitzen, die Yuika Mamada als zweites vom Augsburger Ballett vorgestelltes „Talent der Zukunft im Praktikum“ in „Die Tochter des Pharaos“ exemplarisch schön vorführt, könnte nicht größer sein.

Atmosphärisch bedrückend gehen Marcos Novais & Alessio Damiani (Tanz und Choreografie) vom Hessischen Staatsballett mit „Burdens of Being“ an den Start. Im ständigen engen Miteinander an der Kippe zwischen Hilfe und Last scheinen sie das Dasein füreinander auszuloten. Fast leblos der eine, unermüdlich anpackend und jede Schwäche auffangend der andere. Novais (Ex-Mitglied der Augsburger Truppe) tritt später noch einmal solistisch auf – und erinnert dabei stark an Isadora Duncan. Sein „Where the sky lowers itself“ zu Musik von Tschaikowsky steckt emotional voller Up and Downs.

Solche können Michelle Willems als Julia und Cohen Aitchison-Dugas als Romeo in ihrer jugendlich-unschuldig in die Weite des leeren Raums hineingetupften Balkonszene (Choreografie: Christian Spuck) getrost ausklammern. Barrieren auf der Suche nach Leichtigkeit zwischen Kraftimpulsen und Augenblicken des Loslassens zu durchbrechen, gilt es für die Gäste vom Berliner Staatsballett erst im zweiten, von Craig Davidson choreografierten „Lightness of Being“. Jenseits von akademischem Thrill treiben Kuan-ling Lee & Ying-chieh Lu von Hung Dance (Taiwan) in „Push and Pull“ (Choreografie: Hung-chun Lai) physikalische Gesetzmäßigkeiten auf die Spitze und das Spiel von Kontrolle und Hingabe, Akzeptanz und Widerstand, Anziehung und Abstoßung ins Absurde. In punkto Herumgezerre – vor allem der zierlichen Frau mit offenbar unverwüstlichem Schultergelenk – sucht das Paar seinesgleichen. Beide sind an diesem Abend jedoch nicht die einzigen weit aus dem nicht-europäischen Ausland Angereisten.

Speed und Slow Motion

Für die zwei Gala-Vorstellungen am 7.2 und 8.2. kommen Cristian Cerezo & Valentín Arias Delgado eigens aus Kolumbien. Was für ein Glück! Das Tango-Duo in schwarzen Anzügen ist schlicht eine Wucht. Ihre Tanzslipper flitzen nur so über den Boden und in den Figurenfolgen sind die Männer so schnell, dass man seine Not hat, ihnen mit den Augen zu folgen. Ihre Auftritte sind getanzter Rausch. Hier hebt einer vom Boden ab, dort fliegen Schienbeine um die Knie oder überkreuzen sich Beine im wilden Wechsel. Ihr maskuliner Paartanz ist pur und frei von jeglichen erotischen Klischees. Schon „Libertango“ zu Musik von Astor Piazzolla lässt jede Erinnerung an andere Tangopaare verblassen. In „El Huracón“ (Musik: Orquesta Los Auténticos Reyes) setzen die erfahrenen Tango-Weltmeister dann sogar noch eins  - und eine kurze Zugabe - drauf.

Im Gegensatz dazu haben Anita Bonavida, Miriam Raffone & Martina Stalteri vom Spellbound Contemporary Ballet die Langsamkeit für sich gepachtet. Das Trio beginnt am Boden. „Miss Invasion“ von Mauro Astolfi zu Musik von Matthieu Mantanus und Frédéric Chopin beschäftigt sich mit der Idee, dass jemand in positiver Absicht in fremde (Privat-)Sphären eindringt und Neues anzustoßen versucht. Solche Entwicklungen brauchen Zeit. Und die bekommen die drei ungewöhnlich verträumten Grazien in diesem Rahmen auch – clever eingebettet in einen dreieinhalbstündigen Reigen aus insgesamt 21 mal mehr, mal weniger typischen Gala-Krachern. Eines hat die diesjährige Augsburger Ballett- und Tanzgala jedenfalls unter Beweis gestellt: Wie gut es dem Bühnentanz als Kunstform gelungen ist, Tradition und Innovation in Einklang zu bringen.

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