Alles begann mit einem gebrochenen Fuß, wie Birgitta Trommler erzählte. Die Sportstudentin an der Kölner Hochschule hatte ihn sich beim Handball gebrochen – und die Tanzpädagogin Maja Lex sah sich das an: »Wer so schöne Füße hat, der muss tanzen.« Lex forderte nicht Leistung, sondern förderte Kreativität – und das Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten, den Mut zu improvisieren, etwas zu entwickeln. Ebendas vermittelte auch Birgitta Trommler, lebenslang, bis zuletzt auch jüngeren Tanzschaffenden – und stellte ihnen dafür Produktionsressourcen zur Verfügung: mit der 2016 – gemeinsam mit der Choreografin Johanna Richter Richter – in Eigeninitiative und ohne Budget ins Leben gerufenen Plattform HIER=JETZT. Ein einzigartiger, nachhaltiger Impuls für die Tanzszene in München und weit darüber hinaus.
Die entscheidenden Erfahrungen ihres Lebens mit dem Tanz machte sie in den USA. 1965 kam sie mit einem DAAD-Stipendium nach New York ins Studio zu Martha Graham und speziell zu Katherine Dunham, in deren Company sie als Einspringerin mit auf Tournee gehen konnte. Sie trainierte auch bei Merce Cunningham, Eleo Pomare und José Limon. Nach Ablauf des Stipendiums wollte sie nicht in Köln unterrichten, sondern ging zurück in ihre künstlerische Heimat, wie sie die amerikanische Tanzszene nannte – und blieb so insgesamt 10 Jahre, bei Dunham und in verschiedenen Kompanien tanzend, seit 1968 auch als Choreografin aktiv.
Mit einem Bein in New York, mit einem in ihrer Geburtsstadt München – als Gastlehrerin im Studio des Musical- und TV-Choreografen William Milié – , fasste sie gemeinsam mit der Theaterwissenschaftlerin Angela Dauber 1975 den Entschluss zur Gründung einer eigenen Company, einer der ersten freien modernen Tanzgruppen in Deutschland. Bill Millié stellte ihnen sein Studio im ehemaligen Trambahndepot in der Wilhelmstraße 19 gratis zur Verfügung. Heute residiert dort die Ballett-Akademie, damals machten Trommler und Dauber das Studio, das sie dann bald übernahmen, zu einem Hotspot der freien Tanzszene in München, zu deren entscheidenden Protagonistinnen die beiden zählen. Denn das »Tanzprojekt München« (TPM), das sie ins Leben gründeten, war sowohl Company als auch Schule.
»Zeitgenössische« oder »modern«-Tänzer*innen waren damals rar gesät, internationale Gastdozent*innen und Studierende der Kurse trugen bei zur Etablierung einer kontinuierlich aktiven Company, mit Aufführungen im Studio und im Theater in der Leopoldstraße, denn auch Bühnen gab es anfangs keine für den freien Tanz. »Unabhängig, mutig, kreativ« war eine der ersten Zeitungskritiken überschrieben über diese»kleine Gruppe mutiger, auf sich selbst gestellter, experimentierfreudiger Tänzer« – und auf wundersame Weise blieben die drei Schlagworte zutreffend für Birgitta Trommlers Projekte, Karriere und künstlerischen Charakter.
Im Tanzprojekt trainierten, wie schon bei Milié, auch tanzende und singende Schauspieler, die junge Nastassja Kinski etwa,– oder die Kessler-Zwillinge und Eisi Gulp. Und unzählige Münchner*innen, von denen viele das Tanzen erfolgreich zum Beruf machen konnten, die über Tanz schrieben, Tanz produzierten oder ihm sonstwie verbunden blieben. Mit der Company, zu deren ersten Tanzenden neben Trommler und Dauber auch Claudia Jeschke und Lynn Parkerson zählten, arbeiteten neben Trommler auch internationale Choreograph*innen wie Katharina Sehnert, Ze'eva Cohen, Rudy Perez und Kei Takei. Zusammenarbeit war und blieb das Lebenselixier der Künstlerin. Die Tanzenden sah sie schon damals als kokreativ Mitverantwortliche: »Jeder einzelne ist Autor seiner Rolle.« Anfangs waren die Stücke als »tänzerisches Environment« oder »modern dance events« rubriziert oder blieben ohne Genrebezeichnung. Auch der Begriff Tanztheater bot sich später an für Trommlers 25 Choreografien in 10 Jahren für das TPM, das mit Gastspielen auch international präsent war und im Ausland weitaus bessere Kritiken bekam als daheim. In München getanzt wurde in Zelten, in Hallen oder im Marstall-Theater bei »New Dance ’82«, einer Keimzelle der Münchner Dance Festivals. Der ganze Platz der Münchner Freiheit wurde choreografisch verwandelt. Tanzfilme wurden gemacht. Zum Film gekommen war Birgitta Trommler 1974 als Bewegungscoach für »Der Räuber Hotzenplotz« ihres späteren Lebensgefährten Gustav Ehmck. Der produzierte dann Trommlers eigene Filmarbeiten: »Out of the mother naked« (1978), »Ich höre auf zu träumen« (1979) und »Bomarzo« (1983, mit Kameramann Gerard Vandenberg). Die wurden vom Fernsehen finanziert – das ZDF-Format damals hieß »Spielwiese« – und mit dem Prädikat »besonders wertvoll« gewürdigt, was die Finanzierung des jeweils nächsten Projekts ermöglichte. Bausteine für Trommlers Leitformel »machen, einfach machen, und immer weiter machen«.
Mit dem TPM begann auch die Geschichte der Tanzförderung in der Landeshauptstadt. Kulturreferent Jürgen Kolbe stellte selbst für sie einen ersten Antrag; Brigitte von Welser setzte sich ein. 1981 wurde das TPM mit dem Schwabinger Kunstpreis ausgezeichnet. Mitte der 1980er Jahre gelang es dann der freien Tanzszene in München, sich institutionell zu etablieren, Gelder und Räume für kontinuierliches Arbeiten zu erobern: Birgitta Trommler und Angela Dauber, Jessica Iwanson, Micha Purucker, Bonger Voges und Angelika Meindl gründeten 1987 gemeinsam den Verein Tanztendenz München, die erste Produktionsgemeinschaft für zeitgenössischen Tanz in Deutschland.
Dass Trommler erst Sport, dann Tanz in Fächerkombination mit Psychologie studiert hatte, ist wohl bezeichnend – für ihr Interesse am Menschen, am menschlichen Tun. Titel ihrer Tanzstücke und Filme sprechen davon: »Getrennt von Tisch und Bett« (1981) oder »Trau, schau wem« (1984). Denn das Verhältnis von Individuen und Gesellschaft ist problematisch, muss verändert werden, im Ausbruch aus Konventionen, im Konflikt, in Ansprüchen an Gefühle, in der Formulierung von Wünschen, im Glauben an Träume, im Vorgriff auf Utopien.
Im Jahr 1989 wurde sie Direktorin des Tanztheaters der Städtischen Bühnen Münster. Ein neues Arbeitsumfeld für die Ermöglicherin: Das relativ kleine Theater bot neben eigenem Gehalt und Gagen für die Tanzenden auch ein Paradies an Produktionsmitteln. »Jeder ist eine kleine Gesellschaft« war ihr erstes Tanztheaterstück dort betitelt. Es folgten Auseinandersetzungen mit literarischen Stoffen: »Stella apropos Goethe« (1986 schon in Freiburg uraufgeführt), »Ich möchte meinen Schatten fressen. Annäherungen an Djuna Barnes« (1990), »Im Sandkasten« (1990), nach Motiven von Marie Cardinals »Schattenmund«.
Schon beim TPM hatte sie mit Kompositionen von Zeitgenossen gearbeitet wie Jannis Xenakis, dem Münchner Experimentator Walter Haupt oder dem Ex-Krautrocker, Jazzer und Theatermusiker Matthias Thurow. Ein neues Arbeitsfeld wurden seit 1985 Operninszenierungen an verschiedenen Häusern und Festivals: Auf die Uraufführung eines Henze-Projekts, »Robert der Teufel«, folgten europäische Erstaufführungen von Werken des mit ihr befreundeten Philipp Glass (u. a. »Machandelbaum«, 1988; »The Fall of the House of Usher«, 1991; »Orphée«, 1993).
Das Tanzprojekt-Studio war inzwischen in neue Räume in der Humboldstraße gezogen, mit betreut von Gustav Ehmck. (2003 zog es noch einmal um, in die Schwabinger Blütenstraße.) Trommler war weiterhin – zwischen Deutschland und New York – als Choreografin und Pädagogin tätig.
Von 1996 bis 2004 leitete Birgitta Trommler dann die Tanzsparte am Staatstheater Darmstadt, einem Vierspartenhaus, die als TanzTheater Darmstadt firmierte. Für ihr Ingeborg-Bachmann-Projekt »Gegenwart – Ich brauche Gegenwart« (1997), das sie dort in weißem Bühnenbild und weißen Kostümen von Gudrun Schretzmeier auf die Bühne brachte, komponierte Moritz Eggert die Musik. Natürlich waren weitere Glass-Stücke Teil des Repertoires, darunter »Mein Kopf… schwindlig und voller Schreie«, eine Auseinandersetzung mit Marguerite Duras, und die Kammeroper »In der Strafkolonie« nach Kafka (beide 2002). In Heidelberg brachte sie einen Doris-Lessing-Stoff von Glass, »The Marriages Between Zones Three, Four and Five« zur Uraufführung (1997). Angela Dauber, neben eigener Kunstproduktion Produktionsdramaturgin bei John Neumeier, arbeitete, wie so oft, auch beim Duras-Projekt mit Birgitta Trommler zusammen. Beide ergriffen von einer Atemlosigkeit bei der Lektüre, fasziniert von Menschen jenseits eines »normalen« Lebens, wie sie in einem Gespräch erklärten. »Mich interessieren Menschen auf Reisen, was auch immer diese Reisen sind, eine Reise in die Fantasie oder in die Leidenschaft, in die Körperlichkeit oder Homosexualität, das ist letztlich egal«, so Trommler. »Dieser Motor und diese Kraft immer den nächsten Schritt zu tun und nicht in Ruhe dazusein, wo man ist, das fasziniert mich in einem Stück, indem Du Episoden von Menschen siehst und keine Erklärungen.« Entsprechend mutig und offen muss dann auch das Arbeiten, die Suche, in der Kunstproduktion sein.
1998 gründete Trommler Cutting Edge, einen Wettbewerb für neue Theaterformen, zusammen mit dem Mousonturm Frankfurt. Sie inszenierte ein zweites Mal Bruno Madernas »Satyricon« als Musik/Tanz/Theater (Münster 1994, Darmstadt 2004), choreografierte in Filmen von Caroline Link, arbeitete an Projekten in Deutschland und New York, war weiter als Coach tätig. Engagierte sich bis zuletzt – auch nach der Übergabe des Formats an die Tanztendenz – für die Künstler-für-Künstler-Initiative, die sie gemeinsam mit Johanna Richter mit 72 Jahren etabliert und seither mit unermüdlichem Einsatz erweitert, dokumentiert, mit Preisen ausgestattet und gesichert hatte. Der Titel HIER=JETZT verweist auf das Prinzip der Präsenz in der performativen Kunstform, freilich auch auf das Nutzen der Chance, auf die entscheidenden Momente im Prozess des künstlerischen Arbeitens: das sich Sich-Ausprobieren und das Sich-Zeigen des jungen choreografischen Nachwuchses in einem kollegial vernetzten Rahmen. Nach ihrem Tod am 9. März findet die diesjährige Ausgabe nun erstmals ohne Birgitta Trommler statt – ohne ihre Empathie, Zugewandtheit, ihr waches Auge und ihre Begeisterungsfähigkeit. Dafür aber mit Johanna Richter, ihrer Projektpartnerin, und der Tanztendenz, die diese Arbeit und Energie nun weitertragen.
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