Suppress the Sadness
Sharon Eyals „Delay the Sadness“ eröffnet das DanceFirst Festival in Fürstenfeldbruck
Riva & Repele mit „Horizons“ und „Dear Son“ beim DanceFirst Festival in Fürstenfeldbruck
Von Elmo Hüller
DanceFirst in Fürstenfeldbruck hat sich mittlerweile einen festen Platz in der deutschen Festivallandschaft gesichert. Die Riva & Repele Company zeigt hier zwei kurze Tanztheaterstücke, die im großen Festivalzirkel eher herausfallen: „Horizons“ und „Dear Son“. Beide erzählen von Liebe – die eine in der Ambivalenz von Nähe und Distanz, die andere im Angesicht von Verlust – die Zugänge sind dabei recht unterschiedlich.
Horizons – Liebe zwischen Nähe und Distanz
Zwei Menschen lernen sich kennen. Erst ganz vorsichtig und dann immer intensiver. Schnell wird klar: die zwei Personen sind ein Paar. Während sie sich anfangs noch von beiden Seiten der Bühne langsam einander nähern und sich gegenseitig vorsichtig an ihren schicken bordeauxroten Samtkleidern zupfen, sitzen sie sich kurze Zeit später durch gewaltvolle Lichtkegel ausgeleuchtet an einem Tisch in der Mitte der Bühne distanziert gegenüber. Die Figuren, getanzt von Anne Jung, die sowohl für die Dresden Frankfurt Dance Company als auch am Ballett Basel gearbeitet hat, und Sasha Riva streiten sichtlich, mit kleiner Mimik und mit noch kleineren Gesten und doch erstaunlich ausdrucksstark. Yumi Aizawa, ausgebildet an der Hakucho Ballet
Academy in Japan und auch Teil des Hamburg Balletts, und Simone Repele steigen zeitgleich aus dem Schatten unter dem Tisch hervor und tanzen gemeinsam mit einer bewundernswert greifbaren Leichtigkeit und Eleganz.
In „Horizons“ stehen sich die zwei Paare wie Tag und Nacht gegenüber. Die durch den Alltag zerrütteten Liebhaber*innen, die mit aller Geduld und doch mit viel Schmerz ihre Beziehung zusammenhalten wollen, und das schwarzgekleidete Paar, das die Liebe zueinander nicht einmal in der Distanz verbergen kann. Sie wirken wie Gegenwart und Vergangenheit und sind zugleich Innen wie Außen.
Wenn Nähe zur Distanz wird
Riva und Repele, die sich im Hamburg Ballett kennen gelernt haben, erzählen einen Konflikt, der nicht auf festen Charakteren aufbaut, sondern universellen Beziehungsmustern folgt. Dadurch wird das Bühnengeschehen nicht zu einer Geschichte von zwei Liebhaber*innen samt Innenleben, sondern vielmehr zu einem Abbild der Realität von Gefühlen und versagter Kommunikation. Ihre Bewegungsrafinesse und Körpervirtuosität, zeichnet dabei ein Bild, dass die Handschrift des Hamburg Balletts trägt und durch eigene Nuancen zu einer Sprache der Gesellschaft verfeinert wird.
Eine Streitszene: Sie will rennen, doch er hält sie fest. Ihre Gliedmaßen zeichnen Kreise in die Luft. Elegante, unkontrolliert wirkende Kreise, die eine Verletzlichkeit und auch den Mut des Versuchens transparent machen. Zudem stellt diese Bewegung auch das schiere Können der Tänzerin unter Beweis. Denn mit dieser Nähe ebenso eine so spürbare Distanz zu schaffen, braucht viel und ist nicht nur sehr beeindruckend, sondern wird dem Abend und der Auffassung einer ambivalenten Beziehungsdynamik in jeder Hinsicht gerecht.
Dear Son – Ein Kind wird geboren
Mit grauem Staub bedeckt laufen zwei lebensmüde Eltern in krankhaft geduckter Haltung aufeinander zu. Sie umarmen sich schmerzhaft und versuchen sich in der staubigen Wüste aus Trauer und Liebe gegenseitig zu trösten.
„Dear Son“ handelt von dem Verlust eines Kindes durch Krieg. Ein Paar im Italien der 1920er Jahren zur Zeit von Mussolini entscheidet sich ein Kind zu bekommen. Die Eltern, wieder virtuos dargestellt von Anne Jung und Sasha Riva, tanzen spielerisch, streiten, blödeln und vertragen sich wieder. Sie wirken wie ein junges Paar, das man in seinem Bekanntenkreis haben könnte. Zu ihren grazielen Bewegungen zieren gekonnt getroffene Lichtkegel und der Sound von „Bella Ciao“ die Bühne. Nach der Geburt des Kindes betritt Simone Repele in einer Windel gekleidet und mit einem Schnuller im Mund die Bühne. Ein Lachen im Zuschauerraum. Doch während das Kind erwachsen wird und die spielerischen Bewegungen immer gedämpfter, feinmotorischer und erwachsener werden, rückt auch die Realität ihrer Zeit näher.
Wenn die Trauer die Wut verschlingt
Ein Stoffsack fällt von der Bühne. Krieg. Der Stoffsack ist eigentlich eine Uniform. Das Kind zieht die Uniform an, das Kind drückt seine Eltern ganz fest. Die Bewegungen werden noch maschineller und noch kälter. Ein Knall, ein Lichtblitz, das Kind ist tot. Die Eltern geschockt. Nach einem spürbaren Wutausbruch der Mutter, in dem sie all ihre Zettel auf dem Tisch bekritzelt und kurz danach zerknüllt und wegwirft, um irgendwie ihren Geist zu fassen, verfällt das Stück in tiefe Trauer. Bewegungen die zuvor synchron mit dem Kind ausgeführt wurden, vollziehen die Eltern nun alleine. Sie formen zwei Kreise aus Zeigefinger und Daumen und halten sie sich an ihre Augen. Die ehemalige „ich zeige dir die Welt“-Geste wird zu einer „ich will die Welt wieder sehen können“-Geste.
Was in dieser Trauer zwar immer mitschwingt, aber selten alleine besteht, ist die Wut. Der eine Ausbruch der Mutter bleibt die einzige wirkliche Spur eines tiefgreifenden Zorns, der in dieser Geschichte doch so viel größer sein könnte – Wut auf ein System, das den Sohn in den Krieg und in den Tod schickte, und Wut auf sich selbst, ihn überhaupt gehen gelassen zu haben. Wut, die einen Widerstand gegen diese Systeme hervorrufen kann. Stattdessen besteht die Choreografie bis zum Ende auf eine erdrückende Traurigkeit, die nicht weniger berührt, aber die Geschichte nun mal nur eine Geschichte sein lässt und den Versuch auf die aktuelle Realität zu zeigen zwar anstrebt, aber nicht direkt zum Widerstand gegen Unrecht und Krieg aufruft.
Doch nichtsdestotrotz machen die Bewegungsqualitäten und die starken Gefühle kombiniert mit den durchdachten und wiedererkennbar choreografierten Elementen „Horizons/Dear Son“ zu einem Abend, der berührt und viel über Beziehungen und Verlust reflektiert.
Dieser Text ist Teil des Projekts "Stärkung der zeitgenössischen Tanzszene durch journalistische Nachwuchsförderung" Tanzpakt Stadt-Land-Bund.
Gefördert von TANZPAKT Stadt-Land-Bund aus Mitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.
Dieses Projekt wird ermöglicht durch den Bayerischen Landesverband für zeitgenössischen Tanz (BLZT) aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst.
gefördert vom Kulturreferat der Landeshauptstadt München
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