Große Ehre
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Mit „Habermas Disco“ erinnert Micha Purucker in München an glorreichere Tage
Lange kann Jürgen Habermas dem Treiben nicht zuschauen, das seinen Namen im Titel trägt. Das Konterfei des Philosophen prangt an einer von mehreren Stationen, die den Holzweg entlang der Wände des Schwere Reiter säumen. Auch weitere Kollegen wie Theodor W. Adorno oder Walter Benjamin sind per Schwarzweiß-Porträt bei Micha Puruckers „choreografischer Jam Session“ zugegen. Doch noch bevor man sie identifizieren kann, knibbeln die Tänzer*innen zu Amanda Lears „I am a Photograph“ Papierfetzen von den Bildern und reißen Löcher in Denker-Stirnen. In den Spiegeln, die sich dahinter versteckt haben, begegnen sie dann vor allem sich selbst.
„Habermas Disco“ erinnert an die Zeit in den siebziger und frühen achtziger Jahren, als der in Starnberg lebende Philosoph an seiner Theorie des kommunikativen Handelns arbeitete und das post-olympische München mal kurz so etwas wie der pop- und jugendkulturelle Nabel der Welt war. Im Untergeschoss des Arabellahauses entstanden in Giorgio Moroders „Musicland Studios“ die Sounds der Zukunft. Und auch gesellschaftlicher Aufbruch schien möglich, unter der Voraussetzung, dass Individuen gleichberechtigt und auf der Basis rationaler Argumente miteinander kommunizieren. Sich auf dem Dancefloor um den Verstand tanzen und trotzdem der Ratio vertrauen: Was für Zeiten!
Vor dieser historischen Folie strahlt die Eingangsszene mit den Fotos Pessimismus aus: Die Erinnerung an die Gedankenriesen der Vergangenheit wird weggewischt. Zur Orientierung taugt nur noch das eigene Ego „Habermas Disco“ lässt solche Schlussfolgerungen zu, ohne sie einem aufzudrängen. Vor allem aber lässt der knapp einstündige Abend sieben großartige Tänzer*innen los und triggert mit coolen Songs und heißen Rhythmen Erinnerungen bei denen, die zumindest die letzten Temperaturausschläge des Disco-Fiebers noch selbst miterlebt haben. Mit dem sich langsam aufbauenden „Love Machine“ von Supermax etwa, oder Donna Summers schwebenden „I feel love“, die beide den Techno vorwegnahmen und auch heute noch sofort in Kopf und Glieder fahren! Robert Merdžo spielt sie ein, mischt sie neu ab und greift auch mal selbst zur Gitarre - und die Bewegungen der Tänzer*innen überholen den Strom der Musik oder stemmen sich ihm entgegen. Tragen lassen sie sich von ihm nur selten. Niemand gibt sich hier widerstandslos der Nostalgie hin. Die Spruchtafeln, die die Tänzer*innen in einer Szene hochhalten, künden von Ratlosigkeit: „ the crew is getting restless“, „we‘re on the wrong track“ oder „what shall we do“ steht auf ihnen.
Zu dieser Rat- und Planlosigkeit passen die uneindeutigen Richtungen, in die die Choreografie hier immer wieder strebt. Mitten im Voranstürmen zurückweichend und im Rückwärtsgang dynamisch sind Aurora Bonetti, Clara Cafiero, Michal Heriban, Marcos Nacar, Hikaru Osakabe, Anise Smith und Polina Sonis sehr purucker-like unterwegs. In Beige und Blau und viel Cord gekleidet, aber ganz und gar nicht uniform: Kein Farbton gleicht dem anderen. Einmal holen zwei von ihnen Einkaufswagen aus einer Ecke und bekommen nach deren Frontalzusammenstoß das große Zittern. Auch Videos vom gleichgeschalteten China zitieren gesellschaftliche Themen herbei. Damals, heute, morgen? Alles fließt ineinander.
Es gibt bewundernswerte Einzelaktionen und Passagen, die das (verlorene) Gruppengefühl ironisieren oder beschwören. Über die große Tanzfläche, auf der sich auch das Publikum tummelt, wacht keine Discokugel, sondern ein mit Spiegelkacheln überzogenes Disco-Ei von Jörg Besser. Kleine Lichtpunkte schwirren durch den Raum, die ebenso wenig eingefangen werden können wie unsere verlorene Zuversicht. Die Vergangenheit schlägt Funken in der Gegenwart. Traurig und schön!
Nur wer sich lange philosophische Exkurse oder das Aufgehen in der jammenden Tanz-Gemeinschaft erhofft hatte, wird enttäuscht. Mehr Worte als die auf den Tafeln gibt es nicht. Hier ist der Tanz selbst die Philosophie. Und Puruckers Angebot, „räumlich auf die Performer*innen zu reagieren“, besteht im Wesentlichen darin, ihnen rechtzeitig aus den Füßen zu gehen. Jedenfalls begnügen sich die meisten Premierengäste damit, in einer stillen Ecke unauffällig vor sich hin zu wippen. Um mit leisem Staunen doch noch Zeug*innen einer finalen Aufbruchsbewegung zu werden. Ist es das Pathos in „Take my breath away“ oder der Wille, diesen postoptimistischen Tanzabend mit Schmackes enden zu lassen? Jedenfalls graben sich die Performer*innen mit Baggerarmen hinein in die große Emotion, haken einander unter und rollen wie eine Welle an den Strand an den Saum der Tanzfläche – um dort wie Gischt aufzuschäumen und umeinander zu purzeln.
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