DANCE WITH THE STARS #1 von Sandra Chatterjee 

Ratschläge an Tänzerinnen für das Jahr 2039

DECOLONIAL CONSTELLATIONS von Sandra Chatterjee in der Halle 6 in München

Die Münchner Choreografin und Tanzwissenschaftlerin Chatterjee verbindet zwei Stücke über die Tänzerin, Choreografin und Theoretikerin Nyota Inyoka: „DANCE WITH THE STARS #1“ als Wiederaufnahme und als Premiere „DANCE WITH THE STARS #2“.

München, 05/10/2026

Es ist ihr Thema: Seit fast 10 Jahren arbeitet Sandra Chatterjee mit ihrem Archivdramaturgen Franz Anton Cramer über die weitgehend unbekannte Bewegungsschrift „Clef des attitudes et du geste esthétique“ (CdA) der indischen Tänzerin, Choreografin und Theoretikerin Nyota Inyoka (1896–1971). Anhand dieser arbeitet sie mit ihrem Team um die exzellente und präzise Tänzerin Hannah Ma und die Musiker Arko Mukhaerjee, Koustuv Dey, Kanishka Sarkar, die von indischer Musik ausgehend ihr Repertoire in unglaublich viele Stile ausweiten. Nach DANCE WITH THE STARS #1, das letztes Jahr im Hoch x Theater in München zu sehen war, weitet sie den Abend nun zu einem Zweiteiler aus. 

Inyoka entwickelte neben ihrer Arbeit als weltweit anerkannte und berühmte Tanzkünstlerin in Paris ein komplexes System zur Analyse und Komposition von Bewegung. Linien, Winkel, anatomische Artikulationen und Bewegungsfolgen werden darin zu einer eigenen choreografischen Sprache, in der unterschiedliche Wissens- und Tanztraditionen in Beziehung zu Vorstellungen von Raum, Zeit und Kosmos treten.

Hier setzt Chatterjee an. „DANCE WITH THE STARS #1“ nimmt Inyokas Zeichnungen und Bewegungsnotationen als Ausgangspunkt für eine zeitgenössische choreografische Bühneninterpretation. Wie in einer Nummernabfolge wechseln sich Musik, Tanz und Rezitation ab. Chatterjee und Ma rezitieren abwechselnd in deutscher und englischer Sprache zum Beispiel die Conseils aux danseuses von Nyota Inyoka. Dieser Ratgeber in Gedichtform von 1939 liest sich heute wie eine zeitgenössische Anleitung einer besonders fortschrittlichen Tanzausbildung. 

Höre ihren Ratschlägen aufmerksam zu, aber imitiere sie nicht.

Love her from her primal form and to her most abstract manifestation.

Die schwierigsten Schritte sollten für die Zuschauer*innen einfach aussehen. Sie sollten auf schlichte Weise mit natürlichen Bewegungen verwoben sein und Sinn bewahren.

Queen of the arts, she needs no instruments outside the body to express herself.

So geht es lange weiter und das Publikum erkennt, dass parallel zu Mary Wigman und Rudolf von Laben von einer außereuropäischen Künstlerin Erstaunliches entstand, was in „unserer“ Tanzwissenschaft und „unserem" Kunstverständnis dringend ergänzt werden sollte. Das historische Material wird hier nicht nur in traditionellen Kostümen und Tänzen eingespielt und rekonstruiert, sondern auch in gegenwärtige Bewegung und Musik übersetzt. Dabei richtet sich der Blick auf Inyoka, deren Arbeit im kolonialen Frankreich vor allem durch die Kategorie des „Exotischen“ betrachtet wurde und mit dem Inyoka in ihrer Selbstdarstellung auch spielte. Ihr nicht nur dabei durchstandenes rassistisches Leid wird vielleicht am deutlichsten durch He! Mogangue! (African Lament) von 1949 gespiegelt, das den ersten Teil eindrücklich beendet.

Schloss sich letztes Jahr sinnvollerweise an „DANCE WITH THE STARS #1“ ein ausführliches Publikumsgespräch mit den Künstler*innen und Tanzwissenschaftler*innen an, setzt Chatterjee nun nach einer Pause einen zweiten künstlerischen Teil drauf. 

Für die Premiere „DANCE WITH THE STARS #2“ bereichert sie ihre Arbeit mit weiteren bedeutenden Künstlerinnen. Chatterjee gelingt es neben der starken Hannah Ma auch die renommierte Choreografin und Literatin Nora Amin aus Berlin und die vom Hip Hop kommende Baba Altenburger aus Bern zu gewinnen, die sich beide ebenfalls mit Themen wie Diversität und Antirassismus im Tanzschaffen auseinandersetzen. #2 tanzt sich noch stärker frei vom indischen Stil und Thema und verwebt unterschiedliche tänzerische Biografien und verkörperte Wissensformen miteinander. Wir erleben Nora Amin im stimmlichen Austausch mit dem Musiker bei Weihrauch-Duft in einem schamanistisch wirkenden Klagegesang, nah am Ausdruckstanz mit stoßendem Atem und Gejaule und atmosphärischem Raunen im Hintergrund – abgewechselt durch eine kraftvolle Hannah Ma in einem energetischen Auftritt mit stark geformten Oberkörperbewegungen zu stroboskopischem Licht. Anschließend bringt sich Baba Altenburger im klassischen Hip-Hop-Outfit und -Move ins Zentrum der Bühne, bis am Ende die gemeinsame Frauenpower siegt. Während im ersten Stück der indische Tanz mit seinen klassischen Handgesten und traditioneller Musik dominierte, werden hier ganz spielerisch zeitgenössischer Tanz mit Raqs Baladi, Hip-Hop sowie klassischem indischen und polynesischem Tanz miteinander verbunden, werden tagesaktuelle Nachrichten verlesen und der Diskurs ins Heute verlegt.

Inyokas Zeichnungen, Texte und Bewegungscodes werden hier als ein „Archiv der Zukunft“ gedeutet – durch weibliche Körper, die sich heute mit Fragen von Migration, Kolonialismus, Rassismus, Zugehörigkeit und künstlerischer Selbstbehauptung auseinandersetzen. Das tut Chatterjee in ihrer wissenschaftlichen und künstlerischen Arbeit Zeit ihres Lebens und liegt damit gerade in der aktuellen gesellschaftlichen Situation goldrichtig. Es ist ein inspirierender Abend im Kreativquartier München, der unsere Seh- und Hörerfahrungen herausfordert und uns mit vielen Fragen zurücklässt. Und das ist gut so.

Dieser Vorstellung, in der das Ensemble zum Ende gemeinsam die Fäuste in den Himmel reckt, wäre zu wünschen, dass er noch oft in Theatern, Museen oder auch Räumen wie säkularisierten Kirchen oder Universitäten gespielt werden kann. Auch wenn es dann lang wird, bitte wieder mit Künstlergespräch im Anschluss, denn diese Frauen und Männer auf der Bühne haben viel zu sagen. Und wir können viel lernen.

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