„Dollhouse", ein Tollhaus? Nein, auf diese Gleichung lässt sich Andrey Kaydanovskiys Tanzabend auf keinen Fall ein. Die Tanzenden treiben es zwar zwischendurch auch ganz schön dolle. In erster Linie aber ist das Tanzstück, das am Wochenende uraufgeführt wurde, ein intensives, mit einigen Spritzern Humor gewürztes, schaudern machendes Erlebnis, das erheblich aufwühlen kann.
Der mehrfach ausgezeichnete Choreograf Kaydanovskiy, selbst auch Tänzer, hat sein Puppenhaus episodenhaft aufgebaut. Es beginnt mit dem Duett einer Tänzerin mit Schnuller und in Babykleidung, die ihre Puppe (ein fantastischer Vincent Wodrich) schubst, knuddelt und dirigiert, sie zieht, zerrt und mit ihr eben macht, was ihr gerade in den Sinn kommt. Wobei schon in diesem Stadium sichtlich Erwartungen und Wünsche auf das Spielzeug übertragen werden.
Durch eine Off-Stimme, die wie bei einer Probe eine kurze Anweisung gibt, wird bereits hier eine weitere, ironisch-reflektive Ebene eingezogen. Diese verschiebt bis zum Schluss mehrmals unerwartet den Fokus der Zuschauenden, wobei nicht eindeutig klar wird, worin das Ziel besteht. Ist damit eine Entlastungsfunktion für das Publikum eingebaut, um die Schwere, die das Stück enthält, erträglicher zu machen? Oder dient es als Orientierung und Übergang zur nächsten Episode mit einem neuen thematischen Schwerpunkt?
Dem vordergründig harmlosen Kinderspiel, das von einer gläsern-schneidenden Musik schon in Frage gestellt wird, folgt bei Marschmusik ein militaristisches Zwischenspiel der Jugendzeit. Die soldatisch, in einheitlicher Montur auftretende Tanzcompany verkörpert in dieser Episode nicht nur eine mit Jugend assoziierte Stärke und Abenteuertum, sondern auch den Hang zu Aggressivität und gangartiger Angriffslust. Am Schluss liegt die arme Puppe mit abstehenden Gliedmaßen am Bühnenrand und muss sich von der Off-Stimme bespötteln lassen. „Kannst du diese Position so halten“, kommentiert die Stimme die auch für einen Tänzer höchst anstrengende Situation mit zynischem Unterton.
Dass man bei Kaydanovskiys geradlinig und zeitlich klar aufgebautem „Dollhouse“ bei der Sexpuppe und entsprechenden Machtspielchen landet, ist geradezu zwangsläufig. Weniger eindeutig ist jedoch die Rollenaufteilung, die schon vorher durch ein puppiges Tanzpaar in Röckchen und einheitlichem Outfit der Company in Frage gestellt ist. Die häufig mit patriarchalischen Machtgelüsten verknüpfte Rolle des sexhungrigen Mannes übernimmt eine Tänzerin, die wenig später zur Sexpuppe (Soleil Jean-Marain) mutiert und eine Identitätsverkehrung erzwingt. Dieses Spiel mit Identitäten ist eines der Kernthemen des Stücks. Gehört doch die Übertragung und Aufladung lebloser Objekte, wie Puppen in jeder Form, mit menschlichen Eigenschaften, Schwächen und Stärken zum Leben.
Einen großartigen Ausdruck findet dieses Leben einhauchen im Bühnenbild, in das vier wie Drehkreuze drehbare Rahmen, in die Gegenstände und Gliedmaßen zum Herausbrechen und anfänglich auch die Tänzer*innen eingebaut sind. Diese geradezu gruselige Anordnung unterstreicht die Künstlichkeit und oberflächliche Glätte jeglicher Puppe. Und sie verweist zugleich auf den in unserer Zeit überhandnehmenden Drang zum Perfektionismus und zur Selbstoptimierung, der letztlich nur auf Aldous Huxleys beklemmende Utopie der „Schöne(n) neue(n) Welt“ hinauslaufen würde. Im „Dollhouse“ hantieren die Tanzenden am Ende mit den Körperteilen einer echten Schaufensterpuppe, die mühsam zusammengesetzt, letztlich doch auseinanderfliegt. Wodrich, von der Puppe zum Mensch verwandelt, hat die Schnauze voll – und haut einfach ab, während ihm die Off-Stimme konsterniert hinterher kräht.
Neben der sehr stringent gehaltenen, packenden Choreografie, exzellent von der Theatercompany getanzt, spielt die Musik, oft mehr Sound, eine starke Rolle. Dabei hätte manchmal etwas weniger dem Stück und vor allem dem Tanz gut getan.
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