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München, Muffathalle, 11.02.2010 Tanz der Gedanken Jochen Roller/Saar Magal: „Basically I don’t but actually I do“ Foto © Friedemann Simon
Wie Schüsse knallt der harte Ball, mit dem Saar Magal im quietschgelben Regencoat und Jochen Roller im nazibraunen Outfit Tennis spielen, durch den Raum. Die Gespräche verstummen, als die Zuschauer in die Muffathalle eintreten. Das Spiel der Tänzer ist von Musik begleitet und dem Hintergrundrascheln der Leute, die ihre Schuhe ausziehen. Dazu ist das Publikum vor dem Eintreten aufgefordert worden. In Reih und Glied stehen die Stiefel, Turnschuhe und Halbschuhe jetzt an einer Seite des ebenerdigen Bühnenrands. Sie sind zur Kulisse geworden für eine deutsch-israelische Performance über den Holocaust, von Spots beleuchtet. Verlassene Schuhe, massenhaft. Sofort entsteht ein Bild, das aus der Vergangenheit hochkriecht. Das jeder Deutsche schon einmal irgendwo gesehen hat: Im Geschichtsbuch, bei einem Besuch in einer KZ-Gedenkstätte, in einem jüdischen Museum. Der Holocaust hat auf einmal mit jedem einzelnen zu tun, weil dort vorne der eigene Stiefel steht, zu einem bitteren Symbol umgewidmet. Mit diesem Effekt spielen Jochen Roller und Saar Magal immer wieder. Vergangenes gegenwärtig zu machen und in der Gegenwart die Vergangenheit zu suchen. In den Köpfen der Zuschauer zu kramen, sie mit ihren eigenen Vorstellungen vom Holocaust zu konfrontieren. Für die beiden Tänzer waren Fotos, die den KZ-Alltag oder auch Erschießungen von Juden durch Nazis zeigen, Grundlage für die Performance. Die nachchoreografierten Bilder lassen ein lebendiges Daumenkino entstehen. Die Tänzer rufen Zahlen aus. Nummern von Häftlingen ohne Namen. Saar Magal reißt die Augen schreckenweit auf, lässt sich in die Arme von Jochen Roller fallen, Arme und Kopf hängen schlaff Richtung Boden. Dann schnellt sie mit neutralem Gesichtsausdruck wieder nach oben. Die nächste Zahl. Sie wirft sich Jochen Roller an den Rücken, hängt mit verkrampften Händen an seiner Schulter. Es sind Bilder, die die Tänzer selbst nicht mehr loslassen. Beide sprechen von einem „Holocaust-Fetisch“, den sie durch ihre Familiengeschichte haben. Saar Magal ist Enkelin von Holocaustüberlebenden; Jochen Roller Enkel eines SS-Mannes und einer Jüdin. Geprägt hat ihn vor allem, dass er Sohn einer Richterin ist, die über Entschädigungsklagen von Holocaustüberlebenden entschieden hat. In ihrem Büro hat er als Achtjähriger heimlich in die Akten geschaut und dort die Fotos von ausgemergelten Frauen mit eingefallenen Augen gesehen. Sie waren plötzlich nicht mehr nur ein Bild im Geschichtsbuch, sondern echt. Sie hatten Namen. Während seiner Tanzausbildung in London, Jahre später, trifft er Saar Magal. Ein Schock für beide: Er begegnet zum ersten Mal einer Jüdin, sie zum ersten Mal einem Deutschen. Sie kennen die andere Kultur nicht, nur die Geschichten aus der Vergangenheit. Sie sind die so genannte dritte Generation nach 1945. Trotzdem merken sie, wie trotz der Freundschaft manchmal Beklemmung entsteht. Wie beispielsweise bei einem Cunningham-Zyklus, der mit einer Bewegung beginnt, die auch der Hitlergruß hätte sein können. Irgendwann sprechen die Freunde über ihre Geschichte, über ihre Bilder im Kopf. Zehn Jahre später bringen sie das auf die Bühne. Tauschen während der Performance nicht nur die Kleidung, sondern auch die Rollen von Opfer und Täter. Versuchen, den Blickwinkel der anderen Kultur auf die eigene zu verstehen. Sich selbst zu hinterfragen. Und lassen das Publikum teilhaben an dem Wahrnehmungsexperiment. Es gibt keine bequemen Stühle für das Publikum, es steht am Bühnenrand, sitzt auf dem Boden. Es wird angebrüllt, es soll aufstehen. Die meisten tun es folgsam. Andere haben Befehlen gegenüber eine Protesthaltung, legen sich teilweise sogar mit den Tänzern an. „Aufstehen – BITTE“, fordert ein Zuschauer ein. „Aufstehen!“ gibt Saar Magal zurück. – „Bitte!“ – „Aufstehen!“ – Saar Magal gewinnt. Sie rollt ein Tonband auf und drückt dem Zuschauer ein Stück davon in die Hand. Er soll es halten. Sie spannt es weiter, um das ganze Publikum herum, während eine Hitlerrede aus den Lautsprechern rauscht. Dann gehen die Tänzer für fünf Minuten von der Bühne. Es ist still. Niemand rührt sich. Aber die Gedanken erwachen: Wer ist das schwächste Glied in der Kette? Wer wird als erstes loslassen? – Da hinten, die Frau, sie wird müde, mag ihren Arm nicht mehr oben halten, setzt sich hin. Folgt jetzt die Strafe? Ein Tanz der Gedanken. Der Tanz der Körper mag dabei vielleicht an dem Abend proportional gesehen zu kurz gekommen sein. Ästhetisch hätte sich der ein oder andere sicherlich mehr von solchen Einlagen gewünscht, wie sie Roller und Magal brachten, um die Körpersprache der Nazis zu persiflieren, ihre Tyrannen-Rhetorik des vermeintlich starken Mannes zu entlarven. Hitlers Reden erscheinen in ihrer körperlichen Übertreibung wie hektische Pumpversuche eines hyperventilierenden Gorillas. Aber genau das wäre die Frage gewesen, ob eine Ästhetik, die den Bereich des Symbolischen und Abstrakten verlässt und nur noch sinnlich ist, dem Thema des Abends gerecht geworden wäre. Jochen Rollers und Saar Magals Performance funktioniert, weil sie nichts konkret vorführt oder anprangert, sondern Raum für Erkenntnis schafft. Die Erkenntnis, dass Geschichte auch in den Köpfen derer Spuren hinterlassen hat, die sie selbst gar nicht miterlebt haben. Und ihre Fühler bis in die Gegenwart ausstreckt, bis hin zu den Ausländerbehörden in Deutschland oder zur Zollstation in Tel Aviv. Gegenseitiges kulturelles Misstrauen ist, was bleibt. Aber auch die Möglichkeit der Überwindung. Autor: Katharina Hübel |
Foto © Friedemann Simon